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Hintergrund

Stoffenmanager® ist ein Instrument zur Unterstützung bei der Gefährdungsbeurteilung der inhalativen und dermalen Exposition von Beschäftigten bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen sowie zur nichtmesstechnischen quantitativen Abschätzung der inhalativen Exposition, welches das Institut für Arbeitsschutz der deutschen gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) in Zusammenarbeit mit der niederländischen Firma Cosanta BV kostenlos über das Internet  zur Verfügung stellt. Stoffenmanager® ist die deutschsprachige Version des in den Niederlanden von TNO, Arbo Unie und Beco (jetzt Ernest & Young) entwickelten Stoffenmanager®. Stoffenmanager® dient vor allem kleinen und mittleren Betrieben als Unterstützung bei der Gefährdungsbeurteilung. Nutzende können bis zu 35 Produkte und Gefährdungsbeurteilungen online speichern.

Neben der kostenlosen Version Stoffenmanager® gibt es auch eine kostenpflichtige Premiumversion des Stoffenmanager®. Diese wird direkt von Cosanta BV vertrieben und richtet sich in erster Linie an größere Unternehmen mit einer Vielzahl von Gefahrstoffen. In der Premiumversion ist die Anzahl der Produkte und Gefährdungsbeurteilungen unlimitiert und sie bietet neben den Funktionen zur Gefährdungsbeurteilung und nichtmesstechnischen Expositionsabschätzung erweiterte Funktionen zum Firmen- und Gefahrstoffmanagement.


Informationen zum Verwendungszweck, den wissenschaftlichen Grundlagen sowie dem Anwendungsbereich Stoffenmanager® sind nachfolgend zusammengestellt. Zum weiteren Verständnis findet sich am Ende dieses Dokuments eine Bibliographie mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Stoffenmanager® besteht aus mehreren Programmteilen:


  1. Das Modul „Gefährdungen ermitteln – Gefährdungen reduzieren“ wurde als Hilfsmittel entwickelt, um kleine und mittlere Unternehmen bei der Ermittlung und Priorisierung gefahrstoffbedingter Gesundheitsgefährdungen sowie bei der Festlegung wirksamer Maßnahmen zu deren Minderung zu unterstützen. Die von einer Tätigkeit mit einem Gefahrstoff ausgehenden Gefahren werden im Stoffenmanager® nach einem Control-Banding-Ansatz klassifiziert. Die Gefährlichkeitskategorie eines Produktes basiert hierbei auf den H- bzw. R-Sätzen, die sich aus dem Sicherheitsdatenblatt (SDB) des Produktes entnehmen lassen. Die Abschätzung der Exposition berücksichtigt den Dampfdruck bzw. das Staubungsverhalten des Produkts sowie betriebliche Kontrollmaßnahmen, Lüftung, Raumgröße und den Umgang mit einem Produkt. Die Gefährlichkeit des Produktes und die Abschätzung der Exposition werden zu einer Gefährdungskategorie verknüpft. Hat die Gefährdungsbeurteilung ergeben, dass die Exposition beim Umgang mit bestimmten Produkten zu hoch ist, können Expositionsminderungsmaßnahmen ausgewählt werden, die diese Gefährdungen minimieren. Es können diejenigen Expositionsminderungsmaßnahmen abgespeichert werden, die die Gefährdung auf ein vertretbares Maß reduzieren würden. Abschließend können die Gefährdungsbeurteilungen und die Expositionsminderungsmaßnahmen in den Maßnahmenkatalog übernommen werden, um einen Überblick zu haben, welche Maßnahmen für die Umsetzung in die betriebliche Praxis ausgewählt wurden.

  2. Stoffenmanager® enthält ein quantitatives, validiertes Expositionsmodell zur Abschätzung der inhalativen Exposition gegenüber der einatembaren Staubfraktion sowie Dämpfen. Er bietet dem Anwender damit die Möglichkeit, die mit Tätigkeiten verbundenen inhalativen Expositionshöhen in mg/m3 wie in der TRGS 402 nichtmesstechnisch abzuschätzen. Hierzu sind zwei Bewertungsarten verfügbar. Einerseits kann eine Abschätzung für den ungünstigen Fall auf der Grundlage des 90. Perzentils oder eines anderen (z. B. des 50., 75. oder 95.) Perzentils der Expositionsverteilung vorgenommen werden. Für das 90. Perzentil gilt, dass 90 % aller vorhandenen Messwerte unterhalb dieses Wertes, die restlichen 10 % oberhalb dieses Wertes liegen. Der so geschätzte Expositionswert kann dann einem entsprechenden Grenzwert gegenübergestellt werden.

    Andererseits lässt sich aus der quantitativen Schätzung der inhalativen Exposition, die mit einer oder mehreren gegebenen Tätigkeiten verbunden ist, ein Schichtmittelwert errechnen, der ebenfalls mit einem Grenzwert verglichen werden kann.

    Auch in diesem Modul lässt sich ein Maß­nahmenkatalog anzeigen und abspeichern, der Gefährdungsbeurteilungen und ausgewählte Expositions­minderungsmaßnahmen in Form einer Übersicht darstellt.



  3. Expositionsabschätzung gemäß REACH:
    Optional ist in der Premiumversion ein Modul für die quantitative Abschätzung der inhalativen arbeitsbedingten Exposition gemäß REACH erhältlich. Dieses Modul baut auf demselben Modell auf wie das quantitative Instrument zur Expositionsabschätzung, wobei der Schwerpunkt jedoch auf REACH-Anforderungen liegt.

    Stoffenmanager® Nano ist ein eigenständiges Programm zur qualitativen Gefährdungsbeurteilung bei Tätigkeiten mit künstlich hergestellten Nanomaterialien. Wie im Modul Gefährdungen ermitteln und reduzieren werden die Gefährlichkeit und die Expositionshöhe in einem Control-Banding-Ansatz zu einer Risikokategorie oder Prioritätsstufe zusammengefasst. Zusätzlich können Maßnahmen zur Expsitionsminderung ausgewählt werden.

    Achtung: Durch Anklicken der Nano Schaltfläche werden Sie zum Stoffenmanager® Nano weitergeleitet. Dieses Programm wird momentan nicht weiterentwickelt und daher vom IFA nicht empfohlen.


 

Wissenschaftliche Grundlagen

Stoffenmanager® klassifiziert die von einem Produkt ausgehenden Gefahren anhand der H-Sätze für diesen Stoff gemäß Arnone M, Koppisch D, Smola T, Gabriel S, Verbist K, Visser R (2015).

Stoffenmanager®-Algorithmus zur Beurteilung der inhalativen Exposition basiert auf dem „Emissionsquelle-Empfänger-Ansatz“ von Cherrie (Cherrie et al, 1999). Faktoren für die Expositionshöhe sind u. a. die Art der Tätigkeit, lokale Schutzmaßnahmen wie Absau­gun­gen, freie und maschinelle Raumlüftung sowie  Produkteigenschaften. Deren Bewertung erfolgt auf einer logarithmischen Skala (Marquart et al, 2008).

Das Modell zur Bewertung der Hautexposition baut auf dem RISKOFDERM Toolkit (Goede et al, 2003) auf, das zur Beurteilung und Steuerung von Hautrisiken in kleinen und mittleren Unternehmen dient. Es beruht auf Messungen der Hautexposition unter realen Arbeitsbe­dingungen und gilt als valides Werkzeug zur Beurteilungen von Hautexpositionen. Im Rahmen der Weiterentwicklung des Stoffenmanager® wird das Modul zur Hautgefährdung momentan aktualisiert und an den neuesten Stand der Wissenschaft angepasst.

Die Quantifizierung des Stoffenmanager®-Modells erfolgte anhand von über 700 Expositionsmessungen. Der Spearman-Korrelationskoeffizient zwischen den qualitativen Stoffenmanager®-Scores und der gemessenen Exposition beträgt rs ~ 0,8 (Tielemans et al, 2008).

Das Stoffenmanager®-Modell der inhalativen Exposition wurde durch TNO anhand von ca. 250 Expositionsmessungen überprüft. Aus den Ergebnissen dieser Validierungsuntersuchung ging hervor, dass Stoffenmanager® eine allgemein gute Expositionsabschätzung liefert und hinreichend konservativ ist; dennoch war in einigen konkreten Fällen eine Anpassung des Modells erforderlich. Das Modell wurde demgemäß für die entsprechenden Szenarien angepasst (Schinkel et al, 2010).

Auch anhand von Expositionsdaten aus deutschen Betrieben wurde das angepasste Modell überprüft (Koppisch et al. 2012). Es wurde getestet, wie gut die zwei Modellgleichungen für den Umgang mit Pulvern/Granulaten und für die spanende Bearbeitung von Holz und Stein die Arbeitnehmerexposition gegenüber der einatembaren Staubfraktion abschätzen. Die Korrelation der geometrischen Mittelwerte der Szenarien war für beide Modelle gut (Pulver/Granulate: rs = 0,90; n = 15 Szenarien; n=390 Messwerte; Spanende Bearbeitung: rs = 0,84; n = 22 Szenarien; n=1133 Messwerte). Entsprechend gut war die Korrelation der 90. Perzentile (Pulver/Granulate: rs = 0,79; Spanende Bearbeitung: rs = 0.76).

Die Ergebnisse der von der BAuA initiierten "Evaluation of Tier 1 Exposure Assessment Models under REACH" (ETEAM) Studie wurden auf der Homepage der BAuA veröffentlicht. Die Zusammenfassung des Endbericht zur Evaluierung von Tier 1-Modellen bescheinigt, dem Modell des Stoffenmanager® "die ausgewogenste Leistung im Hinblick auf das Schutzniveau und die Vorhersagekraft für flüchtige Flüssigkeiten und Stäube"(Lamb et al, 2015).

Anwendungsbereich

Zur Einstufung der Gefährlichkeit werden die Angaben aus Sicherheitsdatenblättern (SDB) der verwendeten Produkte benutzt. Die Priorisierungsfunktionen Stoffenmanager® eignen sich daher nicht für Stoffe oder Erzeugnisse, zu denen kein Sicherheitsdatenblatt vorliegt. Auch für Produkte, zu denen keine H-Sätze bekannt oder verfügbar sind (z. B. mehrere Pestizide oder pharmazeutische Erzeugnisse), ist Stoffenmanager® nicht geeignet. Wenn Sie Stoffenmanager® für solche Stoffe dennoch verwenden möchten, empfehlen wir, die entsprechenden H-Sätze zuvor mithilfe eines Fachmanns zu bestimmen.

Der Bereich, der die Hautgefährdung beinhaltet, eignet sich nicht zur Gefährdungsbeurteilung von Produkten, die zugleich als (stark) toxisch und ätzend gekennzeichnet sind.

Stoffenmanager®-Modul zur quantitativen Abschätzung der inhalativen Exposition kann zur Beurteilung der Exposition beim Umgang mit staubigen Produkten sowie leicht- und schwerflüchtigen Flüssigkeiten verwendet werden (Abb. 1). Die Verwendung Stoffenmanager® zur quantitativen Abschätzung der inhalativen Exposition durch Fasern, Gase oder Stoffe, die bei Arbeiten mit offener Flamme (z. B. Schweißen, Löten) in die Luft gelangen, ist zurzeit noch nicht möglich. Für spanende Arbeiten und Tätigkeiten, die mit einer Verdichtung bzw. Zerkleinerung fester Körper (durch mechanische Schlagwirkung) verbunden sind, liegt bisher nur eine Validierung für die Stein- und Holzbearbeitung vor.

Abb. 1 Anwendungsbereich für das quantitative Modell der inhalativen Exposition

Produkt

 

Tätigkeit

Gas Leicht-flüchtige Flüssigkeiten Schwer-flüchtige Flüssig-keiten Stäube, Pulver Fasern Feste Körper
Fördern, Bewegen, Mischen           entfällt
Kippen, Schütten           entfällt
Streuen, Eintauchen           entfällt
Spritzen           entfällt
Schweißen, Löten, Brennen           entfällt
Spanende/Staubende Arbeiten, Verdichten, Zerkleinern, Stampfen: Holz und Stein entfällt entfällt entfällt entfällt entfällt  
Spanende/staubende Arbeiten, Verdichten, Zerkleinern, Stampfen: Andere Tätigkeiten mit z.B. Plastik, Glas oder Metall entfällt entfällt entfällt entfällt entfällt  

Grün = Fällt in den Anwendungsbereich        

Rot = Liegt außerhalb des Anwendungsbereiches

Entfällt = Nicht anwendbar bzw. nicht möglich

Bibliographie

Arnone M, Koppisch D, Smola T, Gabriel S, Verbist K, Visser R (2015) Hazard banding in compliance with the new Globally Harmonised System (GHS) for use in control banding tools. Regul Toxicol Pharmacol. 2015 Oct;73(1):287-95.

Cherrie J, Schneider T. (1999) Validation of a new method for structured subjective assessment of past concentrations. Ann Occup Hyg; 43(4) 235.

COSHH website

Duuren-Stuurman B, Vink SR, Verbist KJM, Heussen HG, Brouwer DH, Kroese DE, Van Niftrik MF, Tielemans E, Fransman W. (2012): Stoffenmanager Nano version 1.0: a web-based tool for risk prioritization of airborne manufactured nano objects. Ann Occup Hyg: 56(5): 525-41.

Goede H, Tijssen S, Schipper H, Warren N, Oppl R, Kalberlah F, van Hemmen J. (2003) Classification of dermal exposure modifiers and assignment of values for a risk assessment toolkit. Ann Occup Hyg; 47(8):609-18.

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Lamb J, S. Hesse, B. G. Miller, L. MacCalman, K. Schroeder, J. Cherrie, M. van Tongeren (2015) Evaluation of Tier 1 Exposure Assessment Models under REACH (eteam) Project.

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Deutsche Publikationen:

Koppisch, D.; Gabriel, S. Der „Stoffenmanager" - ein Instrument zur Gefährdungsbeurteilung. Gefahrstoffe - Reinhaltung der Luft, 2010, 356-360.

Gabriel, S.; Koppisch, D. Der GESTIS-Stoffmanager - ein webgestütztes Instrument zur Gefährdungsbeurteilung. sicher ist sicher - Arbeitsschutz aktuell, November 2011, 510-511.

Koppisch, D.; Gabriel, S. Der „GESTIS-Stoffmanager - ein Instrument aus dem IFA bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen”. Gefahrstoffe - Reinhaltung der Luft, 2012, 267-273.

Koppisch, D.; Arnone, M. Quantitative Abschätzung von Gefahrstoffkonzentrationen mit dem GESTIS-Stoffmanager. sicher ist sicher - Arbeitsschutz aktuell, November 2012, 498-500.

Arnone M.; Koppisch, D.; Gabriel, S. Der „GESTIS-Stoffenmanager als Werkzeug zur quantitativen Abschätzung von Gefahrstoffkonzentrationen am Arbeitsplatz. Gefahrstoffe - Reinhaltung der Luft, 2013, 129-137.

Gabriel, S. Der GESTIS-Stoffmanager  - ein Instrument zum Einstieg in die Gefährdungsbeurteilung von inhalativen und dermalen Expositionen am Arbeitsplatz. IFA-Arbeitsmappe „Messung von Gefahrstoffen“, Herausgeber DGUV, Erich Schmidt Verlag, Berlin, Kennziffer 0338, 10/2013